Nachtzug nach Lissabon

Der Roman von Pascal Mercier (Pseudonym von Peter Bieri) aus dem Jahr 2004 ist weniger eine klassische Erzählung als vielmehr eine philosophische Reise. Im Mittelpunkt steht der altphilologisch geprägte Berner Gymnasiallehrer Raimund Gregorius, ein Gewohnheitsmensch, der urplötzlich mitten im Unterricht die Schule und sein gewohntes Leben hinter sich lässt und mit einem Nachtzug nach Lissabon reist. Alles ausgelöst nur durch die Begegnung mit einer geheimnisvollen Portugiesin und einem noch geheimnisvolleren Buch.
In Lissabon rekonstruiert er die Lebensgeschichte des Autors Amadeu de Prado, einem Arzt und Intellektuellen, der zur Zeit der Diktatur unter António de Oliveira Salazar lebte. Gregorius Recherchen vermitteln tiefe Einblicke in Widerstand, politische Repressionen und das intellektuelle Klima jener Zeit. Dabei gerät Gregorius zunehmend in einen Sog aus Gedanken, Erinnerungen und existenziellen Fragen. Die historische Ebene hebt den Roman aber über eine bloße Selbstfindungsgeschichte hinaus.
Insgesamt ist Nachtzug nach Lissabon ein ruhiger, nachdenklicher Roman, der weniger durch Handlung als durch seine gedankliche Intensität wirkt, was gut zur introvertierten Hauptfigur passt. Auch sprachlich ist der Roman eher schlicht gehalten. Literarische Raffinesse findet man weniger im Stil als in den immer wieder eingestreuten philosophischen Reflexionen, die stark von existenziellen Fragen geprägt sind. Es geht um die Macht von Sprache und Denken, Identität und Selbstsuche, verpasste Lebenswege und Möglichkeiten und die Frage, wie sehr wir unser Leben tatsächlich selbst gestalten. Wer sind wir wirklich? Wie viel Mut braucht man, um ein anderes Leben zu beginnen? Diese Passagen können mitunter etwas schwerfällig wirken, entfalten aber meiner Meinung nach gerade dadurch ihre Wirkung.
Wer sich für philosophische Fragestellungen und historischen Kontext interessiert und sich auf die ruhige, fast meditative Erzählweise einlässt, findet hier eine anregende Lektüre, auch wenn stellenweise eine gewisse Geduld gefragt ist. Ich war begeistert und habe den Roman sowohl in der englischen Übersetzung Night Train to Lisbon als auch auf Deutsch gelesen.
Der Film mit Weltstar Jeremy Irons in der Hauptrolle als Raimund Gregorius kam 2013 in die Kinos und gilt als romantischer Mystery-Thriller, wobei ich ihn nicht als solches bezeichnen würde. Die Atmosphäre Lissabons kommt visuell eindrucksvoll zur Geltung und wer schon einmal in Lissabon war, wird so einiges wiedererkennen. Aber der Film bleibt natürlich hinter der philosophischen Dichte des Buches zurück. Nicht weil er schlecht gemacht ist, sondern weil sich die inneren Monologe und Gedanken, die den Kern des Romans ausmachen, nur begrenzt übertragen lassen. Ich bin oft von der Verfilmung eines Buches enttäuscht. Das ist hier nicht der Fall. Wem das Buch gefällt, der mag auch den Film.