
Nirgendwo in Afrika
von Stefanie Zweig (*1932) ist weit mehr als ein autobiographisch geprägter Exilroman. Das Buch ist zugleich Familiengeschichte, Kulturbegegnung, Sprachroman und ein Werk über Identität zwischen zwei Welten. Die spätere Verfilmung durch Caroline Link machte den Stoff international bekannt und der Film erhielt 2003 den Oscar für den besten fremdsprachigen Film.
Im Zentrum des Buchs steht die jüdische Familie Redlich, die 1938 vor den Nationalsozialisten aus Schlesien nach Kenia flieht. Dort wurde der Vater, ein Jurist, ein schlecht bezahlter Angestellter auf einer Farm im Hochland. Während die Eltern, und besonders die Mutter Jettel, zunächst in der fremden Umgebung leiden und innerlich an Deutschland festhalten, erlebt die Tochter Regina Afrika als eine Art zweite Geburt. Gerade diese unterschiedliche Wahrnehmung macht den Roman psychologisch interessant: Für die Erwachsenen bedeutet Afrika Verlust und Entwurzelung, für das Kind hingegen Freiheit, Abenteuer und emotionale Zugehörigkeit.
Was mich hier literarisch besonders beeindruckt, ist Zweigs Fähigkeit, Afrika nicht bloß als exotische Kulisse zu benutzen. Viele europäische Afrika-Romane verfallen in romantisierende oder koloniale Perspektiven. Zweig versucht dagegen trotz ihrer eindeutig europäischen Perspektive die afrikanischen Personen als eigenständige Menschen mit Würde, Humor und sprachlicher Eigenheit darzustellen. Besonders Owuor wird nicht zur bloßen Nebenfigur degradiert, sondern trägt wesentlich zur moralischen und emotionalen Struktur des Romans bei.
Hier ist besonders interessant zu sehen, wie Sprache im Roman funktioniert. Suaheli ist nicht nur dekoratives Beiwerk, sondern ein Symbol für Zugehörigkeit und kulturelle Öffnung. Regina lernt Wörter und Wendungen aus dem Alltag, wodurch Sprache zur Brücke zwischen den Welten wird. Während die Eltern an der deutschen Sprache als Erinnerungsraum festhalten, öffnet sich Regina über das Suaheli einer neuen Identität. Interessant ist auch, dass Regina offenbar schneller kulturell „übersetzt“ als ihre Eltern. Kinder besitzen oft eine größere sprachliche und kulturelle Adaptionsfähigkeit. Das zeigt Zweig sehr feinfühlig. Das erinnert stark an sprachwissenschaftliche Beobachtungen zur Mehrsprachigkeit im Exil: Wer eine neue Sprache annimmt, verändert oft auch seine emotionale Wahrnehmung der Umwelt.
Stilistisch arbeitet der Roman stark atmosphärisch. Die Naturbeschreibungen (Gerüche, Licht, Tiere, Regenzeiten) erzeugen fast eine sinnliche Textur. Dadurch entsteht ein Kontrast zwischen europäischer Kriegskatastrophe und afrikanischer Landschaft. Afrika erscheint zugleich als Zuflucht und als Ort, an dem die Figuren niemals vollständig ankommen können.
Heute würde der Roman wahrscheinlich kritisch hinterfragt werden, z.B. ob seines stellenweise stark europäischen Blicks auf Afrika und der aus heutiger postkolonialer Perspektive teilweise idealisierenden Darstellungen. Ich halte das Buch jedoch für bemerkenswert differenziert, besonders in Anbetracht der Zeit seiner Entstehung. Für mich ist es auch literarisch deutlich reicher als die Verfilmung. Auch wenn der Film atmosphärisch sehr gelungen ist, verändert er einige Nuancen. Er wirkt stärker emotional-visuell, während der Roman naturgemäß subtiler mit inneren Konflikten und sprachlichen Zwischentönen umgeht.
Im Jahre 1947 ging Zweigs Familie nach Deutschland zurück. Zweig hat dreißig Jahre lang das Feuilleton einer Frankfurter Tageszeitung geleitet. Sie schrieb außerdem einige Jugendbücher, wofür sie zahlreiche Auszeichnungen erhielt.