Das Phänomen „aktiver und passiver Wortschatz“ oder lernen wir unsere Vokabeln nicht richtig?
Der Wortschatz oder die Vokabeln, das ist ein zentrales Thema beim Fremdsprachenerwerb. Unzählige Schüler, Kursteilnehmer und Studenten sind maßlos enttäuscht, wenn sie stundenlang Vokabeln gelernt haben und sich sogar haben abfragen lassen, aber bei der Anwendung und erst recht beim Sprechen geraten sie ins Stocken. Sie sind von sich selbst enttäuscht, denn ihnen fällt nichts oder nur wenig von dem ein, was sie sagen könnten. Erst recht nicht das, was sie sagen möchten. Das führt zu Frustration, denn sie haben doch so viel gelernt! Früher war das meist Vokabellernen mit der Mutter, das klassische Rechts-links in Spalten :-)) Wenn das für den Vokabeltest in der Schule war, konnte es sogar kurzfristig erfolgreich sein. Doch danach … wie weggeblasen. Das ist das so genannte „Bulimielernen“ (kurzfristiges Auswendiglernen von Fakten, Formeln, Sachverhalten, Vokabeln etc. für einen bestimmten Zweck, z.B. Klassenarbeit, und Inkaufnahme des baldigen Vergessens)
Doch auch wenn man nicht mehr nur für eine Prüfung lernt, klappt es mit der praktischen Anwendung nicht sofort wie gewünscht. Das ist nicht verwunderlich, denn all die gelernten Vokabeln gehen erst einmal in den passiven und erst danach in den aktiven Wortschatz. Das ist bei jedem Lernenden so, egal wie alt und lerngewohnt.
Denn aktiver und passiver Wortschatz sind zwei unterschiedliche Bereiche des Wortschatzes einer jeden Person, auch bei Muttersprachlern. Der Unterschied zwischen passivem, d.h. Wörter kennen, und aktivem Wortschatz, d.h. Wörter spontan gebrauchen können, ist in der Regel recht groß. Das heißt, man hat nicht zu wenig gelernt, obwohl man stundenlang Vokabeln gepaukt hat, sondern es mangelt einfach an der praktischen Anwendung, also dem Sprechen. Zum Leseverständnis reicht der passive Wortschatz in der Regel gut aus.
Was genau versteht man aber genau unter aktivem und passivem Wortschatz? Der Unterschied liegt vereinfacht gesagt im Grad der Nutzung und Anwendung der Wörter oder Vokabeln, nicht im Ausmaß des Lernens. Das ist den meisten Lernenden jedoch gar nicht so bewusst. Diese Erkenntnis hilft aber vielen, ihren Frust abzubauen und sich nicht als unbegabt zu fühlen.
Aktiver Wortschatz
Zum aktiven Wortschatz, auch produktiver Wortschatz genannt, gehören alle Wörter, die man bewusst und mühelos im täglichen Sprachgebrauch, d.h. die automatisch und situationsgerecht verwendet. Ein Muttersprachler verwendet aktiv rund 12.000 bis 16.000 Wörter seiner Sprache.
Merkmale: Es sind all die Wörter, die uns beim Sprechen oder Schreiben spontan zur Verfügung stehen, ohne lange darüber nachdenken zu müssen. Ein ausreichend großer aktiver Wortschatz ermöglicht eine flüssige und präzise Kommunikation. Ein geringer aktiver Wortschatz kann zu Unsicherheit und stockendem Sprechen führen.
Umfang: Er ist deutlich kleiner als der passive Wortschatz.
Passiver Wortschatz
Der passive Wortschatz, auch rezeptiver Wortschatz genannt, beinhaltet alle Wörter, die eine Person zwar versteht, aber nicht aktiv in der eigenen Kommunikation benutzt, also Wörter, die erkannt und verstanden werden, aber (noch) nicht spontan benutzt werden können. Er hilft beim Sprachverständnis und ist das Reservoir für neue Wörter des aktiven Wortschatzes.
Merkmale: Man erkennt diese Wörter beim Lesen oder Hören und versteht ihre Bedeutung im Kontext.
Umfang: Er ist wesentlich größer als der aktive Wortschatz. Bei Muttersprachlern kann der passive Wortschatz bis zu 50.000 Wörter umfassen.
Beim Erlernen einer Fremdsprache wird also zunächst ein großer passiver Wortschatz aufgebaut. Dann folgt der ständige Prozess, Wörter aus dem passiven in den aktiven Wortschatz zu übernehmen, damit sie aktiv verwendet werden können. Der Prozess der Aktivierung geschieht am besten durch Automatisierung und Handlungs- und Kontextorientierung, d.h. Wörter sollten am besten mit eigenen Erfahrungen, Emotionen und Handlungssituationen verknüpft werden, damit sie leichter abrufbar sind. Der Schlüssel ist eben nicht das Wiederholen an sich, sondern das wiederholte Anwenden, also das produktive Verwenden in bedeutsamen Situationen – schriftlich, mündlich, aber emotional und kognitiv vernetzt – und selbst wenn es Selbstgespräche sind. 🙂
Vom passiven zum aktiven Wortschatz
Wie können Lernende ihren aktiven Wortschatz vergrößern? Durch Aktivierung und Training. Dazu gibt es im Folgenden einige Strategien und Übungen.
1. Output-orientierte Strategien mit Aktivierung
1.1 „Forced Output“, d.h. Zwang zum Sprechen oder Schreiben
Lernende sollen gezielt Aufgaben machen, bei denen sie bestimmte Wörter verwenden müssen. Das zwingt zu mentaler Aktivierung und semantischer Vernetzung, z. B. „Verwende die Wörter obwohl, außerdem, inzwischen in einer Geschichte.“ oder „Erkläre das Wort verkaufen so, dass ein Kind es versteht, ohne das Wort selbst zu nennen.“
1.2. Paraphrasieren und Umschreiben
Wer ein Wort nicht weiß, soll es beschreiben. Das schärft semantische Felder und aktiviert Synonyme, z.B. führt die Frage „Wie würdest du stolz umschreiben?“ zu zufrieden, froh über sich, erhobenen Hauptes usw.
1.3. Mini-Dialoge oder Rollenspiele
Besonders effektiv, wenn die Rollen Emotion, Handlung und Ziel beinhalten, z.B.: „Du bist Verkäufer*in, du hast nur noch drei Äpfel, aber der Kunde will sechs.“ Das aktiviert spontan Alltagslexik.
1.4. Schreibimpulse mit Wortvorgaben
Kurze Schreibaufgaben mit gezieltem Vokabelfokus, z.B. „Schreibe 5 Sätze mit dem Wort xyz, in verschiedenen Kontexten (Gefühl, Arbeit, Reise, Vergangenheit, Zukunft).“
2. Input-orientierte Strategien mit Aktivierung
2.1. Rezeptiver Input mit Reaktivierung
Beim Lesen oder Hören unbekannte Wörter nicht nur markieren, sondern sie anschließend in eigenen Beispielsätzen verwenden, Assoziationen bilden („Woran erinnert mich das Wort?“) oder sie in Mindmaps (= Themenfelder) eintragen.
2.2. Shadowing + Variieren
Hierbei handelt es sich um eine Technik aus der Dolmetscherausbildung: Hören und gleichzeitig laut mitsprechen. Dann kleine Abwandlungen machen („statt I like swimming → I love swimming on rainy days“). So wird das Wort nicht nur passiv wiederholt, sondern aktiv modifiziert und dadurch manifestiert.
2.3 Lesen mit produktiver Nachbereitung
Nach einer Lektüre z.B. „Fasse den Text mit 5 neuen Wörtern zusammen.“ Das verknüpft Kontextverständnis mit gezieltem Aktivieren.
3. Kognitive & psycholinguistische Techniken
3.1 „Spaced Retrieval“ mit produktiver Abfrage
Man fragt nicht nur „Was heißt das?“, sondern „Bilde einen Satz mit …“ oder „Wie würdest du das Wort im Gespräch über Reisen einsetzen?“ Karteikarten oder Apps (Anki, Quizlet) können das durch eigene Fragestrukturen unterstützen.
3.2 Bildung semantischer Netze
Neue Wörter werden mit bestehenden Wortgruppen verbunden, z.B. mit Synonymen oder ähnlichen Wörtern, etwa – mutig = tapfer, waghalsig, kühn, übermütig, selbstbewusst. Die Lernenden sollen Unterschiede diskutieren und Beispiele finden.
3.3 Emotionale Einbindung
Wörter, die emotional aufgeladen sind, werden schneller aktiviert. Deshalb am besten persönliche Themen, Lieblingsfilme, Erlebnisse als Vokabelkontext wählen.
4. Spezielle Empfehlungen für das gleichzeitige Lernen mehrerer Sprachen
Hier ist folgendes besonders relevant:
4.1 Bewusster Transfer zwischen den Sprachen
Lernende sollen erkennen, dass sie ein Wort in Sprache A bereits aktiv beherrschen, aber in Sprache B nur passiv, z.B. „Sagen Sie den Satz auf Italienisch, wie Sie ihn spontan auf Französisch sagen würden.“ Das aktiviert Mehrsprachigkeitsstrategien und festigt interlinguale Vernetzungen.
4.2 Metasprachliche Reflexion
Lernende sollen reflektieren: Wann würde ich dieses Wort tatsächlich sagen? Das steigert die Kontextsensibilität und damit die Abrufwahrscheinlichkeit.
5. Routinen und Automatisierung
5.1 Wort des Tages – aktiv nutzen
Nicht nur „lernen“, sondern in einer Unterhaltung, beim Schreiben oder in Gedanken (bzw. Selbstgesprächen) dreimal täglich bewusst „anwenden“.
5.2 Selbstgespräche und mentale Dialoge
Sehr wirksam, gerade bei fortgeschrittenem Niveau: Lernende sprechen mit sich selbst über Alltägliches in der Fremdsprache und zwar bewusst unter Verwendung neuer Wörter.
5.3 „Three Times a Day Rule“
Nach der 3 x pro Tag-Regel gilt ein Wort als „aktiviert“, wenn es innerhalb von 24 Stunden dreimal in unterschiedlichen Kontexten verwendet wurde.
Wer all das befolgt, auch nur teilweise, wird feststellen, wie sich der aktive Wortschatz vergrößert. Dabei sind Selbstgespräche nicht zu verachten, auch wenn das manch einem komisch vorkommt. 🙂
Im Anhang folgen zwei Wochenprogramme, und zwar mit Aufgaben zur Wortschatzaktivierung von Niveaustufe A1 zu A2 und von Niveaustufe A2 zu B1 (egal, ob nur für eine Fremdsprache oder mehrere). Wer das Programm nicht in einer Woche schafft, kann verlängern und auf zwei oder mehr Wochen ausdehnen oder auch nur einzelne Punkte abarbeiten. Solch eine Wortschatzarbeit führt auf jeden Fall zum Erfolg!