Daniel Speck: Piccola Sicilia
Daniel Speck: Piccola Sicilia

Daniel Speck: Piccola Sicilia

Daniel Speck: Piccola Sicilia

Der italienische Titel hat mich auf das Buch aufmerksam gemacht und ich wurde nicht enttäuscht. Für mich als „language lover“ ist Daniel Specks Roman in vieler Hinsicht die ideale Lektüre. Er verbindet historische Tatsachen, sehr fein gezeichnete Biografien und Sprachenvielfalt (für mich persönlich ein besonders interessanter Aspekt) zu einem dichten kulturellen Panorama.

Handlung

Speck verwebt die Lebenswege dreier Familien über Jahrzehnte und Kontinente hinweg. Die Handlung spielt auf zwei Zeitebenen und führt von der Gegenwart zurück in das multikulturelle Tunis der 1940er Jahre, wo zu jener Zeit Mehrsprachigkeit Alltag ist. Sprache ist Identität, Strategie und Risiko zugleich und Figuren wie Yasmina zeigen die emotionale Tiefe von Sprachenwechsel. Araber, Franzosen, Italiener – alle lebten Tür an Tür in enger kultureller Verflechtung.

Erste Zeitebene: die Gegenwart (Sizilien): Die Geschichte beginnt mit einem spektakulären Fund. Ein deutsches Militärflugzeug aus dem Zweiten Weltkrieg wird vor der Küste Siziliens aus dem Meer geborgen. Die Berliner Archäologin Nina reist nach Marsala, da ihr Großvater Moritz Reincke auf der Passagierliste stand. Dort begegnet sie der Jüdin Joëlle, die behauptet, ebenfalls eine Tochter von Moritz zu sein. Gemeinsam versuchen sie, das Geheimnis um Moritz’ Verschwinden im Jahr 1943 zu lüften.

Zweite Zeitebene: die Vergangenheit (Tunis, ab 1942): Im Zentrum steht das Stadtviertel „Piccola Sicilia“ in Tunis, wo Christen, Juden und Muslime, vor allem aber sizilianische Einwanderer friedlich zusammenlebten – bis der Krieg alles zerstörte.

Außerdem gab es dreimal so viele Feiertage wie in Europa – die Juden luden Christen und Muslime zu Hannukah ein, feierten Weihnachten in den Häusern der Christen, und zum Id el-Fitr am Ende des Ramadan schlugen sich alle zusammen die Bäuche voll.“

Moritz Reincke kommt als Kriegsfotograf der Wehrmacht in das von deutschen Truppen besetzte Tunesien. Im Grand Hotel Majestic trifft er auf das jüdische Zimmermädchen Yasmina und den Pianisten Victor. Moritz gerät in einen tiefen moralischen Konflikt: Er verliebt sich in Yasmina und rettet Victor das Leben, obwohl er selber Teil der Besatzungsmacht ist. Moritz’ Entscheidung, für seine Liebe und seine Freunde sein eigenes Leben und seine Identität aufs Spiel zu setzen, bildet den emotionalen Kern des Buches.

Hauptfigur Yasmina

Die eigentliche erzählerische Kraft Specks entfaltet sich in der Vergangenheit, insbesondere rund um die Figur Yasmina. Sie ist eine der spannendsten Figuren des Romans, für mich eben auch aus sprachlicher Sicht. Sie lebt und verkörpert genau das, was ich aus meiner eigenen Arbeit kenne: Mehrsprachigkeit ist kein statischer Besitz, sondern eine soziale Praxis. Yasmina wechselt nicht nur zwischen Sprachen, sondern dabei auch zwischen Identitäten. Sprache ist für sie nicht nur Kommunikationsmittel, sondern ein Zeichen für Zugehörigkeit … oder eben nicht. Sie ist eine mehrsprachige Identitätsfigur und keine „idealisierte Polyglotte“, sondern eine Figur, die zeigt, dass Mehrsprachigkeit Freiheit bedeuten kann, aber auch Zerrissenheit und manchmal sogar Gefahr. Sie muss ständig entscheiden, welche Sprache sie mit wem spricht. Was darf sie sagen und was besser nicht? Und vor allem fragt sie sich: Wer bin ich in welcher Sprache? Das zeigt realistisch die Bedeutung von Mehrsprachigkeit, gerade in politisch instabilen Kontexten.

Auf Italienisch war sie Kind, auf Französisch war sie Mademoiselle.“

Im Roman sind vier Sprachen funktional verteilt: 1. Arabisch, 2. Französisch, 3. Italienisch/Sizilianisch und 4. teilweise Hebräisch/Jüdisch-Arabisch.

Jeder Ort hat seinen Klang, hatte Victor einmal gesagt, so wie er seinen Geruch und seine Farbe hat: Die von Blumen umsäumten, schnurgeraden Boulevards von Centre Ville klangen französisch, die verschlungenen Gassen der Medina mit ihren Bögen und blauen Holztüren arabisch, die dunkle, nur von Kerzen erleuchtete Synagoge hebräisch, und in der Küche war das Italienische zu Hause.“

Besonders interessant ist die Existenz „verbotener“ oder zumindest riskanter Sprachen. Während des politischen Umbruchs (Vichy-Regime, deutsche Besatzung Nordafrikas) werden bestimmte Sprachen plötzlich gefährlich, da sie nun die falsche Zugehörigkeit signalisieren. Wer welche Sprache spricht, kann über Leben und Tod entscheiden. Die richtige Sprache zu sprechen, wird somit zu einer Überlebensstrategie. Es gibt eine öffentliche und eine private Sprachverwendung. Speck zeigt sehr eindrücklich, wie Menschen ihre Mehrsprachigkeit taktisch einsetzen oder sie gegebenenfalls sogar verleugnen (müssen). Er zeigt nicht nur, dass mehrere Sprachen im Leben der Protagonisten existieren, sondern auch wie sie sich im Alltag überlagern. Das äußert sich in Code-Switching (auch wenn es literarisch „übersetzt“ wird), kulturellen Bedeutungsverschiebungen, unterschiedlichen Höflichkeitsregistern und impliziten Machtverhältnissen zwischen Sprachen. Die Komplexität der Mehrsprachigkeit wird aber eher inhaltlich erzählt als formal dargestellt.

Daneben, oder besser dazwischen, gab es noch die Sprache der Straße, des Marktes und des Muezzin, das Arabische, in dem sie die Nachbarn grüßte, auch die jüdischen, und dem Obsthändler Gottes Segen wünschte, auch wenn ihr Gott nicht seiner war. Denn ihr Gott sprach die älteste all der Sprachen, die des Shabbat, der Gebete und des heiligen Buchs, aus dem der Vater an den Feiertagen las, mit Buchstaben, die nur er entziffern konnte. In dieser Sprache schwieg sie.“

Für mich ist Piccola Sicilia natürlich besonders linguistisch interessant. Es ist ein hervorragendes Beispiel für gelebte Mehrsprachigkeit, aber weder linguistisches Fachbuch noch ein „sprachlich experimenteller“ Roman und von Speck mit Sicherheit auch nie als solcher gedacht gewesen.

Es ist ein außergewöhnlich sensibler Roman, der eben auch von Mehrsprachigkeit in historischem Kontext handelt. Der Roman ist gut lesbar und spannend. Speck schreibt sehr zugänglich und historisch anschaulich, fast filmisch. Das Buch ist atmosphärisch dicht mit starken Figuren und vor allem … sehr gut recherchiert. Hier gebührt Speck ein großes Lob.

Das Buch trifft genau meine persönlichen und beruflichen Interessen und zeigt beispielhaft, wie Menschen mit und zwischen mehreren Sprachen lebten und überlebten. Ich werde weitere Bücher von Speck lesen, z.B. die Fortsetzung Jaffa Road.