Tatiana von Metternich (geb. Tatiana Vassiltchikova, 1915–2006) wurde in St. Petersburg geboren. Ihre Familie floh nach der Oktoberrevolution aus Russland. Ihre Jugend- und Erwachsenenjahre verbrachte sie in Frankreich, Litauen, England und Deutschland. In den 1940er-Jahren heiratete sie in den deutsch-österreichisch-spanisch verflochtenen Metternich-Adelskreis ein. Ihr bewegtes Leben zwischen Imperien, Exilgemeinschaften, Nationalitäten und europäischen Adelsnetzwerken bildet das Fundament ihrer Memoiren. Sie erinnern in der Mischung aus familiärem Gedächtnis, politischer Beobachtung und höfischen Anekdoten an klassische aristokratische Lebenserinnerungen. Der Leser erhält keine streng linearen Polit-Memoiren, sondern ein lebendiges Mosaik aus Orten, Personen, Anekdoten und – für mich besonders interessant – immer wieder Sprachen. Die Kapitel wechseln oft zwischen Erinnerungsfragmenten und reflektierenden Einschüben, wodurch ein impressionistisches Bild eines Europas entsteht, in dem laufend Zugehörigkeit zu Nationalität, Sprache und Stand zugleich neu verhandelt wurde und man sich anpassen musste.
Nationen — Räume der Erinnerung, Macht und Zugehörigkeit
Ein zentrales Thema des Buchs ist das ständige Wechselspiel von Heimat und Wohnort: das zaristische Russland (Kindheit mit der Familie), das Exil in Frankreich, die Jahre in Litauen und schließlich die Integration in mitteleuropäische Adelsstrukturen (Deutschland/Österreich) mit starken Verflechtungen nach Spanien. Metternich zeichnet Nationen nicht als monolithische, homogene Gebilde, sondern als Netzwerke (dynastisch, sprachlich und sozial verflochten). Die Memoiren zeigen, wie Adels- und Diplomatennetzwerke nationale Grenzen überschreiten: das „Wir“ in ihrer Welt war häufig transnational (aristokratische Öffentlichkeit, internationale Salons, Botschaften). Meiner Meinung nach lädt Metternichs Biographie gerade dazu ein, Nation nicht nur als sprachliche Kategorie zu verstehen, sondern als performatives Feld, d.h. welche Sprachen/Varietäten dominieren in welchen Situationen. Wer spricht wann welche Sprache und warum und welche Machtverhältnisse verbergen sich hinter Sprachwahl und Sprachwechsel?
Mehrsprachigkeit — familiär, pragmatisch, identitätsstiftend
Die Mehrsprachigkeit ist in Metternichs Leben allgegenwärtig, nicht als exotisches Beiwerk, sondern als alltägliche Notwendigkeit. Einige typische Beobachtungen, die sich aus dem Text (und aus der historischen Biographie) ableiten lassen:
Familiäre Mehrsprachigkeit als Alltag: In aristokratischen Familien des späten Zarenreichs und des Exils war das Beherrschen mehrerer europäischer Sprachen (Russisch, Französisch, Deutsch, oft Englisch und Spanisch) normal. Sprache fungierte hier als soziales Kapital, für Bildung, Heirat, berufliche Karriere und Resilienz im Exil.
Funktionale Sprachwahl: Metternich beschreibt (implizit) Situationen, in denen die Wahl der Sprache eine diplomatische oder taktische Funktion erfüllt, z. B. Französisch als lingua franca der höfischen und internationalen Kommunikation, Russisch als private/emotionale Muttersprache, Deutsch/Englisch in administrativen oder beruflichen Kontexten.
Code-Switching und Register: Auch wenn Metternich selten linguistische Termini benutzt, lässt sich zwischen den Zeilen eindeutig ein Muster von Code-Switching erkennen: privare Szenen meist in der Muttersprache, formale Korrespondenzen in der jeweiligen Amtssprache. Dieses Muster ist typisch für transnationale Eliten des 20. Jahrhunderts.
Mehrsprachigkeit und Erinnerung: Die Sprache beeinflusst, wie Erinnerungen erzählt werden. Passagen, die das Russland der Kindheit betreffen, haben einen anderen Ton und eine andere Satzmelodie als Abschnitte über politische Ereignisse in Deutschland, ein Phänomen, das man auch als „sprachliche Atmosphärenbildung“ bezeichnen könnte. Metternichs Beobachtungen sind sowohl literarisch als auch linguistisch ergiebig: Ihre Memoiren bieten ein Feld für die Untersuchung, wie Sprachen Identität formen, Erinnerung kodieren und soziale Grenzen verschieben.
Sprachen in Begegnungsräumen (Botschaften, Salons, Heiraten)
Besonders ergiebig sind die Szenen in Botschaften und Salons, denn dort treffen Nationalsprachen und Konventionen aufeinander. Metternich war in Kreisen aktiv (Diplomatie, Kunst, Wohltätigkeit), in denen Französisch die interkulturelle Höflichkeitssprache war; gleichzeitig sind Deutsch und Englisch administrative Vehikel geworden. Heiraten (z.B. ihr Mann mit spanischen/österreichischen Verbindungen) bringen weitere Varietäten und nationale Codes ins Spiel. Das ist ein guter Beleg dafür, wie persönliches Leben nationalen Sprachraum durchmischt.
Anmerkungen
Als Biographie ist das Buch selektiv. Sprachliche Begegnungen werden natürlich aus persönlicher Perspektive beschrieben und es fehlen gelegentlich systematische Beobachtungen, z.B. explizite Angaben zu Sprachniveaus oder schriftlichen Quellen in Originalsprachen. Metternich reflektiert selten linguistische Fragen explizit. Die Mehrsprachigkeit bleibt meist einfach als Faktum und weniger als Gegenstand tieferer Reflexion. Damit eröffnet das Buch linguistisch gesehen eher Interpretationsräume als abschließende Antworten. Verständlicherweise, denn dafür ist das Buch auch nicht gedacht gewesen. Es liefert aber ein lebendiges, subjektives Dokument einer transnationalen Elite, in der Mehrsprachigkeit integraler Bestandteil des Alltags war. Die Memoiren vermitteln implizit, wie Sprache und Nation in persönlichen Narrativen verwoben sind.
Meine Meinung
Ich interessiere mich für Geschichte und natürlich Sprachen sowie andere Länder und Kulturen. All diese Themen bedient Metternich in ihrem Lebensbericht. Notgedrungen auch Politik, denn es war eine hochpolitische Zeit und Politik beeinflusste das Leben eines jeden, so wie wir es uns heute gar nicht vorstellen können. Dennoch handelt es sich nicht um ein politisches Buch. Metternich führt elegant, aber auch bescheiden durch dieses transnationale Jahrhundert. Es wurde immer geteilt, an andere gedacht und für sie gesorgt. Das Gegenteil von dem, was der Laie sich unter Adel vorstellt.
Besonders interessant war für mich, auch mehr über einen der „Verschwörer“ des gescheiterten Hitler-Attentats zu lesen, da mein Großvater und die Familie ihn kannten. Dass Goerdeler sogar Reichskanzler werden sollte, habe ich erst hier erfahren (S. 239, 244 f, 263).
Ich finde den Bericht eines ungewöhnlichen Lebens aber auch deshalb besonders reizvoll, weil es nicht nur Lebensereignisse rekonstruiert, sondern Mehrsprachigkeit spiegelt: Sprache ist bei Metternich nie nur Medium, sondern ebenso Instrument sozialer Positionierung, des Trostes im Exil und der Repräsentation in der Öffentlichkeit. Daher ist das Buch ein Schatz für alle, die Mehrsprachigkeit nicht nur theoretisch, sondern auch lebendig in einer Biographie erleben wollen.
Es gab viele Freunde und beinahe ebenso viele Sprachen in ihrem Leben. Ständig werden Ausdrücke und Redewendungen in einer der jeweils gerade aktuellen Sprachen eingeschoben, so z.B. tener malas pulgas (spanisch für böse Flöhe haben, S. 147). Direkt danach folgt wieder etwas auf Französisch. Auch absolutes Insiderwissen aus der damaligen Zeit findet man, wie z.B. Spitznamen, die die Berliner einigen Politikern mehr oder weniger heimlich gegeben haben, wie nachgedunkelter Schrumpfgermane für Goebbels (S. 139).
Als nächstes werde ich die Tagebücher ihrer Schwester Missie aus deren Zeit in Berlin lesen. Ich denke, Marie Vassiltchikovs „Berlin Diaries“ (oder Tagebücher aus Berlin) könnten die perfekte Fortführung sein, thematisch, zeitlich und stilistisch. Tagebuch vs. Rückschau, wahrscheinlich ein spannendes Gegenstück zu Tatianas retroaktiven Memoiren. Denn bei Missies Tagebüchern handelt es sich um ein unmittelbar geschriebenes und sehr persönliches Zeitzeugnis über das Berlin im Zweiten Weltkrieg. Missie schreibt ja aus der Perspektive einer diplomatischen Hilfskraft und Exiladeligen und schildert ihre sprachlichen Alltagsszenen. Das bietet ganz sicher wieder reichlich Stoff zu Nation, Identität und Sprachen.
Tatiana von Metternich: Bericht eines ungewöhnlichen Lebens
Goldmann Verlag, ISBN 9783217009073, Erscheinungsdatum 01.05.1987