Tatiana Fürstin von Metternich – Mehrsprachigkeit als Lebensform zwischen Welten
Wenn man über gelebte Mehrsprachigkeit spricht, denkt man oft an praktische Fähigkeiten: mehrere Sprachen sprechen, übersetzen, dolmetschen, vermitteln. Doch im Fall von Tatiana Fürstin von Metternich (1915-2006) wird deutlich, dass Mehrsprachigkeit weit darüber hinausgehen kann. Sie ist bei ihr zu einer existenziellen Haltung und einem kulturellen Zuhause geworden.
Herkunft und frühe Prägung
Tatiana wurde als Prinzessin Tatiana Ilarionowna Wassiltschikowa in eine aristokratische Familie in Russland geboren, die tief in der europäischen Geschichte verwurzelt war. Sie wuchs in einem Umfeld auf, in dem Russisch, Deutsch, Französisch und Englisch nicht einfach Fremdsprachen waren, sondern selbstverständliche Kommunikationsmittel innerhalb einer kosmopolitischen Elite. Mehrsprachigkeit war hier kein Lernziel, sie war Lebensrealität.
Nach der Russischen Revolution floh die Familie über Malta und Frankreich nach Deutschland. Diese frühe Erfahrung von Verlust, Migration und Neuorientierung prägte nicht nur ihre Biografie, sondern auch ihr Verhältnis zu Sprachen. In den 1930er Jahren bekam sie aufgrund ihrer Sprachkenntnisse eine Stellung im Auswärtigen Amt in Berlin.
Ihr Leben führte sie von Russland nach Deutschland, Österreich, Frankreich und darüber hinaus. Durch ihre Heirat (1941) mit dem österreichischen Diplomaten und späteren Kulturpolitiker Paul Alfons von Metternich-Winneburg wurde sie Teil einer der bekanntesten europäischen Adelsfamilien. Mit ihrem Mann baute sie nach dem Krieg das Schloss Johannisberg wieder auf und verwaltete das Weingut, wo sie zusammen mit der Wiesbadener Sektkellerei Henkell & Söhnlein u.a. die Marke „Fürst von Metternich“ etablierten. Doch anstatt sich nun auf eine nationale Identität festzulegen, bewegte sie sich weiterhin ganz selbstverständlich zwischen verschiedenen kulturellen Räumen.
Mehrsprachigkeit zur kulturellen Vermittlung
Sprache wurde für sie zum Schlüssel, um sich in unterschiedlichen kulturellen Kontexten nicht nur zurechtzufinden, sondern aktiv mitzuwirken und nach dem Zweiten Weltkrieg engagierte sie sich intensiv für den Wiederaufbau kultureller Beziehungen in Europa und agierte sozusagen als Kulturvermittlerin. Sie war maßgeblich daran beteiligt, internationale Kunst- und Kulturkontakte neu zu knüpfen, was ohne ihre sprachliche Flexibilität kaum möglich gewesen wäre. Mehrsprachigkeit ermöglicht Dialog, Versöhnung und Zusammenarbeit über Grenzen hinweg. Zu ihren Auszeichnungen und Ehrungen gehört das Bundesverdienstkreuz I. Klasse (1990).
Schreiben zwischen den Sprachen
Tatiana Fürstin von Metternich war auch als Autorin tätig. Ihre Memoiren – etwa „Die Frau mit den drei Leben“ – spiegeln ihr bewegtes Leben zwischen Russland, Deutschland und der internationalen Diplomatie wider. Gerade in autobiografischen Texten zeigt sich oft ein besonders interessantes Phänomen: Menschen, die in mehreren Sprachen leben, denken und erinnern sich nicht unbedingt linear in nur einer Sprache. Erinnerungen, Emotionen und kulturelle Codes sind oft sprachlich gebunden, was solchen Texten eine besondere Tiefe verleiht.
Man kann sich gut vorstellen, dass auch bei ihr unterschiedliche Sprachen unterschiedliche Facetten ihrer Identität aktiviert haben: Russisch als Sprache der Kindheit und Herkunft, Deutsch als Sprache des gesellschaftlichen und politischen Wirkens, Französisch als klassische Kultursprache Europas und Englisch als internationale Brücke.
Mehrsprachigkeit als Identität, nicht als Werkzeug
Ich finde an ihrer Biografie besonders bemerkenswert, dass sie eine Form von Mehrsprachigkeit verkörpert, die nicht funktional reduziert ist, denn sie ist nicht klassisch als Linguistin oder Übersetzerin bekannt. Während ich didaktisch strukturiert mit mehreren Sprachen gleichzeitig arbeite, hat sie diese Mehrsprachigkeit biografisch gelebt, denn Mehrsprachigkeit wird überall dort relevant, wo Menschen zwischen Kulturen leben.
Heute wird Mehrsprachigkeit oft unter Nützlichkeitsaspekten betrachte (Karriere, Mobilität, Wettbewerbsvorteil). Bei Metternich hingegen wird deutlich, dass Mehrsprachigkeit auch ein Identitätsraum ist, sozusagen ein inneres „Mehrfach-Zuhause“.
Bücher
– Tatiana Metternich: Bericht eines ungewöhnlichen Lebens, Goldmann, München 1976
– Tatiana Metternich-Wassiltchikow: Was wird aus Russland? Der dornige Weg in die Demokratie, Ullstein, Frankfurt am Main 1992
– Tatiana Metternich: Pfauenthron / Peacock Throne: Reisetagebuch / Travelling Chronicle Johannisberg, Teheran, Persepolis, deutsch-englische Fassung mit farbigen Abbildungen, Modul-Verlag, Wiesbaden, 2002
– Tatiana Metternich: Tatiana: Five passports in a shifting Europe, 1976