John of Gaunt
John of Gaunt

John of Gaunt

John of Gaunt – Macht, Sprache und Identität im spätmittelalterlichen Europa

Obwohl er oft unterschätzt und in den meisten Geschichtsbüchern eher nebenbei oder gar nicht erwähnt wird, gehört John of Gaunt für mich zu den bedeutendsten Persönlichkeiten der englischen Geschichte. Obwohl er nie selbst König war, war er aber zentraler Machtträger im Umfeld der Krone.

In dem historischen Roman „Das Lächeln der Fortuna“ von Rebecca Gablé (siehe Buchbesprechung) wird er historisch korrekt dargestellt und spielt als Herzog von Lancaster eine tragende Rolle. Und er war mehrsprachig! Daher möchte ich ihn hier vorstellen.

Seine Familie

John of Gaunt wurde im Jahr 1340 als Johan von Gent und dritter überlebender Sohn von Edward III. und Philippa von Hennegau in der Grafschaft Flandern geboren. Der Namenszusatz of Gaunt leitet sich von seinem Geburtsort Gent ab.

Kindheit und Jugend waren geprägt vom Hundertjährigen Krieg zwischen England und Frankreich (1337–1453). Schon früh wurde er in militärische und diplomatische Aufgaben eingebunden und erhielt mit 15 Jahren den Ritterschlag.

John of Gaunt war der Sohn von König Edward III., der Onkel von König Richard II. und der Vater von König Henry IV, aber nie selbst König. Gerade während der frühen Regierungszeit des noch minderjährigen Richard II. spielte er eine entscheidende Rolle als sein politischer Berater. Seine Autorität beruhte dabei weniger auf formaler Position als auf seinem enormen Reichtum, seinem Netzwerk und seiner dynastischen Bedeutung. Allerdings war er im Volk nicht unumstritten. Seine Steuerpolitik und sein Einfluss auf die Regierung machten ihn zu einer Zielscheibe der Kritik, insbesondere im Vorfeld des Bauernaufstands von 1381 (Peasants‘ Revolt).

Seinen gesellschaftlichen Aufstieg verdankt er hauptsächlich seiner ersten Ehe mit Blanche of Lancaster, wodurch er zum Herzog von Lancaster wurde und immense Ländereien erbte, was ihn zu einem der reichsten und mächtigsten Männer Europas im 14. Jahrhundert machte.

Seine zweite Ehe mit Konstanze von Kastilien verschaffte ihm einen Anspruch auf den kastilischen Thron, aber seine militärischen Kampagnen auf der Iberischen Halbinsel, um diesen Anspruch durchzusetzen, blieben erfolglos.

In dritter Ehe heiratete er seine langjährige Mätresse und ehemalige Hofdame seiner ersten Frau Blanche, die Flämin Catherine Swynford (1350–1403) und legitimierte nachträglich die gemeinsamen Kinder. Catherine’s Schwester Philippa de Rouet (ca. 1346-1387) war mit Geoffrey Chaucer (1340–1400) verheiratet, dem bedeutendsten englischen Schriftsteller und Dichter des späten Mittelalters. Er gehörte zu den Klienten und Freunden des Herzogs und wurde als Verfasser der Canterbury Tales berühmt. In einer Zeit, in der englische Dichter auf Latein, Französisch oder Anglo-Normannisch schrieben, gebrauchte Chaucer, dessen Familienname sich vom franz. chausseur = Schuhmacher ableitet, die Sprache des Volkes und erhob dadurch das Mittelenglische zur Literatursprache.

William Shakespeare widmete dem sterbenden John of Gaunt die berühmte Englandrede in seinem Stück Richard II. (Act II, scene i, 42–54, The Tragedy of King Richard II.)

This royal throne of kings, this scepter’d isle,

This earth of majesty, this seat of Mars,

This other Eden, demi-paradise, […]“

Mehrsprachigkeit und Sprachgebrauch

Besonders interessant ist Johns sprachliche Situation, die exemplarisch für den Hochadel des 14. Jahrhunderts ist. Sein Umfeld war eindeutig mehrsprachig. Es handelt sich dabei um:

Anglo-Normannisches Französisch: Die wichtigste Sprache des Hofes, der Verwaltung und der Diplomatie. John nutzte sie vermutlich als primäre Schriftsprache.

Latein: Die Sprache der Kirche, der Gelehrsamkeit und offizieller Dokumente. Für einen Mann seiner Stellung war Latein unverzichtbar.

Mittelenglisch: Im 14. Jahrhundert gewann Englisch zunehmend an Bedeutung, auch am Hof. Es ist sehr wahrscheinlich, dass John diese Sprache aktiv beherrschte, insbesondere im Umgang mit der Bevölkerung und dem niederen Adel.

Spanisch (bzw. kastilische Varietäten): Durch seine Ehe und seine Ambitionen in Kastilien wird er zumindest funktionale Kenntnisse gehabt haben und ließ sich wahrscheinlich in diplomatischen Kontexten durch Dolmetscher unterstützen.

Seine Herkunft verweist bereits auf ein transkulturelles Europa: Geboren in Flandern, sozialisiert am englischen Hof und politisch aktiv in Frankreich und auf der Iberischen Halbinsel, bewegte er sich ganz selbstverständlich zwischen verschiedenen Kulturen und Sprachen. Diese Mobilität war kein Ausnahmefall, sondern typisch für den Hochadel seiner Zeit und doch zeigt sich an seiner Person besonders deutlich, wie funktional Mehrsprachigkeit im politischen Alltag eingesetzt wurde.

Zu seiner Zeit dominierte am englischen Hof noch immer das anglo-normannische Französisch und es ist davon auszugehen, dass John of Gaunt diese Sprache nicht nur beherrschte, sondern aktiv als primäres Kommunikationsmittel nutzte. Latein wiederum bildete die Grundlage für kirchliche und offizielle Schriftlichkeit und war für einen Mann seiner Stellung unerlässlich. Gleichzeitig befand sich das Englische im Aufstieg: Im Laufe des 14. Jahrhunderts gewann es zunehmend an Bedeutung und wurde auch im höfischen Kontext gebräuchlicher. Der Anspruch auf den kastilischen Thron durch seine zweite Ehe eröffnete ihm auch eine Erweiterung seines sprachlichen Horizonts. Er bewegte sich in einem mehrsprachigen diplomatischen Umfeld, in dem Sprachkompetenz ein entscheidender Machtfaktor war. Außerdem stand er an der Schwelle einer sprachhistorisch hochinteressanten Entwicklung, nämlich dem allmählichen Übergang von Französisch zu Englisch als dominanter Sprache der englischen Elite. Er gehörte zu einer Generation, die zwischen etablierten und aufkommenden Sprachordnungen stand.

Mehrsprachigkeit erscheint hier nicht als Bildungsmerkmal im modernen Sinne, sondern als notwendige Voraussetzung politischer Handlungsfähigkeit. Seine Mehrsprachigkeit war also weniger akademisch als funktional geprägt, denn Sprache war ein Werkzeug politischer Macht.

Seine Bedeutung und Nachwirkung

Als John of Gaunt 1399 starb, bestieg sein Sohn als Henry IV. den Thron, wodurch John zum Stammvater einer Königsdynastie wurde, der Lancaster-Dynastie, während die legitimierten Nachkommen aus seiner Verbindung mit Catherine Swynford – die Beaufort-Linie – später eine Schlüsselrolle in den Rosenkriegen spielen sollten. Durch geschickte Heiratspolitik wurde seine Tochter Philippa Königin von Portugal. Ihre bekanntesten Söhne waren Eduard I. (Dom Duarte I, 1391–1438) und Heinrich der Seefahrer (1394–1460), der die portugiesische See- und Kolonialmacht begründete. Durch die 1388 geschlossene Ehe mit Heinrich III. von Kastilien wurde seine Tochter Katharina 1390 zur Königin von Kastilien und Leon gekrönt und die Verbindung zwischen England und Kastilien langfristig gefestigt.

Die politische und familiäre Vernetzung reichte somit weit über seine eigene Lebenszeit hinaus. Seine historische Bedeutung liegt daher in seiner strukturellen Rolle als Machtvermittler zwischen Generationen und als Beispiel für transnationale Adelspolitik und ein Netzwerk von Beziehungen, Sprachen und politischen Interessen. In seiner Person verdichten sich zentrale Entwicklungen seiner Zeit: die Verschiebung sprachlicher Hierarchien, die transnationale Verflechtung politischer Räume und die enge Verbindung zwischen Sprache und Macht.

Gelebte Mehrsprachigkeit

Für mich ist John of Gaunt besonders faszinierend, weil er Themen bündelt, die auch für meine Arbeit zentral sind: Mehrsprachigkeit und die Verbindung von Sprache, Kultur und Macht.

Während wir heutzutage Mehrsprachigkeit in der Regel als individuelle Kompetenz sehen, war sie im Mittelalter ein strukturelles Merkmal von Herrschaft und Macht und nichts Besonderes. John of Gaunt steht als Herzog von Lancaster exemplarisch für diese Form gelebter Mehrsprachigkeit, nicht als Ausnahme, sondern stellvertretend für eine ganze Epoche.

Das klassische „Standardporträt“ zeigt den Herzog mit rotem Wappenrock und heraldischen Symbolen als idealisierten Ritter. Es ist keine zeitgenössische Darstellung, sondern eine spätere Rekonstruktion, die wahrscheinlich um 1590 (vielleicht auch später) entstand, also mindestens 200 Jahre nach seinem Tod. Es zeigt, wie man sich im 16. Jahrhundert einen mittelalterlichen Fürsten vorstellte und basiert vermutlich auf seinem Grabmal, das während des großen Londoner Brandes von 1666 zerstört wurde. Man kann sagen, so wie Texte übersetzt werden, werden manchmal auch historische Figuren „übersetzt“ oder übertragen – in Bilder, Narrative und Vorstellungen späterer Zeiten.