
Ferdinand von Schirach: Kaffee und Zigaretten
Ich kannte bisher weder eines seiner Bücher noch einen seiner Filme. Auf Kaffee und Zigaretten bin ich eher zufällig in einem öffentlichen Bücherschrank gestoßen. Obwohl ich weder rauche noch Kaffee trinke, hat mich dieser einfallslose Titel angesprochen. Ich habe das Buch mitgenommen und bin begeistert.
In dieser teilweise autobiografisch geprägten Sammlung (in 48 Kapiteln) spricht er offen über seine Depression und schreibt über eigene merkwürdige Erlebnisse als Strafverteidiger, Kindheitserinnerungen, skurrile Begegnungen, essayistische Betrachtungen und Porträts und berührt Themen wie Entwurzelung, Einsamkeit, verpasste Gelegenheiten, Melancholie, Lebensmüdigkeit, Tod und Trauer.
Kurz gesagt: Er erzählt von Begegnungen, Erinnerungen, Beobachtungen und den großen Fragen des Lebens. Manches wirkt zunächst wie beiläufig erzählt oder gar banal und entfaltet seine Wirkung oft erst später. Man liest einen Text, legt das Buch zur Seite und merkt plötzlich, dass die Gedanken noch weiter arbeiten.
Gerade die Mischung aus Kürze, Klarheit und Tiefe hat mich sehr angesprochen. Besonders passend ist das Buch für eine Auszeit. Ich bin gerade in Portugal und möchte mich ein wenig erholen und dafür ist Kaffee und Zigaretten geradezu ideal. Die kurzen Kapitel lassen sich wunderbar am Pool, auf der Terrasse oder zwischendurch lesen. Man braucht weder viel Zeit noch eine lange ungestörte Lesephase. Das Nachdenken über das Gelesene kann durchaus länger dauern als die Lektüre selbst.
Was mich besonders beeindruckt ist von Schirachs Sprache: unaufgeregt, lakonisch und reduziert, ohne überflüssige Worte. Gerade dadurch bekommen einzelne Sätze ein erstaunliches Gewicht. Er erklärt nicht alles und gibt dem Leser somit Raum für eigene Gedanken.
Für mich eine wunderbare Zufallsentdeckung und eine klare Empfehlung für alle, die gerne kurze Texte lesen und danach noch ein bisschen länger darüber nachdenken.