
Kaiserin Elisabeth von Österreich – Mehrsprachigkeit als Ausdruck von Freiheit
Mit Kaiserin Elisabeth von Österreich (1837-1898), weltweit bekannt als Sisi, tritt eine Persönlichkeit hervor, deren Mehrsprachigkeit weniger aus wirtschaftlichem, wissenschaftlichen oder politischen Interesse erwächst, sondern aus dem großen persönlichen Bedürfnis nach Freiheit und Selbstbestimmung.
In Bayern geboren wuchs sie mit dem bayrischen Dialekt auf und war nicht dazu auserkoren, hochherrschaftlich zu heiraten. Als sie jedoch statt ihrer Schwester mit dem österreichischen Kaiser Franz Joseph I. verlobt war, versuchte ihre Familie noch schnell ihre Bildung zu erweitern und sie wurde in Französisch, Italienisch und Tschechisch unterrichtet. Bei der Ankunft in Wien galt sie als wenig sprachbegabt, hat aber später ihre Sprachkenntnisse beträchtlich ausgebaut. Durch ihre Heirat wurde sie Kaiserin von Österreich und Königin von Ungarn und fand sich als blutjunges Mädchen am streng regulierten Wiener Hof wieder. Gerade in dieser Enge entwickelte sich ihre besondere Form der Mehrsprachigkeit, denn sie sah wohl darin ihre einzige Möglichkeit aus dem höfischen Umfeld auszubrechen und zu reisen, wodurch ihr großes Interesse an Land, Leuten, Kultur und Sprachen entstand.
Mehrsprachigkeit als Mittel zu Selbstbestimmung und Freiheit
Das Habsburgerreich war ein Vielvölkerstaat und neben ihrer Muttersprache Deutsch und dem bayrischen Dialekt werden Sisi Kenntnisse in vielen Sprachen zugeschrieben, von ein paar Floskeln bis fließend. Wahrscheinlich konnte sie sogar einige einstudierte Sätze und ein paar Floskeln auf Polnisch und Rumänisch. So schreiben Praschl-Bichler/Cachée: „…. beherrschte Elisabeth Ungarisch, Böhmisch, Polnisch, Rumänisch, Italienisch, Englisch, Französisch, Latein sowie Alt- und Neugriechisch. In Englisch, Französisch und Latein wurde sie seit ihrer Kindheit unterrichtet, die meisten anderen Sprachen hatte sie sich erst während ihrer Brautzeit angeeignet. Wirklich eingehend beschäftigte sich die Kaiserin mit dem Studium des Ungarischen und der beiden griechischen Sprachen (die sie fließend beherrschte), wofür sie fortlaufend Lehrer beschäftigte.“
Sisi sprach mit Sicherheit aus persönlichem Interesse gut Englisch, denn als passionierte Reiterin nahm sie häufig an Fuchsjagden in Endland teil. In Wien soll sie mit ihrer Schwester Helene meistens Englisch gesprochen haben, da dies am Hof kaum jemand beherrschte und Gespräche so eher geheim bleiben konnten.
Besonders ist aber ihre intensive Beschäftigung mit dem Ungarischen bemerkenswert: Sie bekam ab 1863 systematisch ungarischen Sprachunterricht. Sie nutzte die Sprache nicht nur kommunikativ, sondern auch als Mittel der Annäherung an die ungarische Kultur. In einer Zeit, in der politische Spannungen innerhalb der Habsburgermonarchie deutlich spürbar waren, wurden ihre ungarischen Sprachkenntnisse zu einem wichtigen Symbol der Verständigung zwischen Wien und Budapest.
Später entdeckte Elisabeth ihre Liebe zu Griechenland und lernte ab 1888 Altgriechisch und Neugriechisch. Von 1890 bis 1892 ließ sie das Achilleion auf der Insel Korfu erbauen. Nach dem Attentat in Genf 1898 soll sie sich auf Italienisch, Französisch und Englisch bei ihr zu Hilfe eilenden Passanten bedankt haben.
Ein weniger bekannter, aber interessanter Aspekt ihres Lebens ist ihre dichterische Tätigkeit, die stark von Heinrich Heine beeinflusst war. 1890 hatte sie bestimmt, dass 60 Jahre nach ihrem Tod eine Kassette mit ihren zwischen 1885 und 1886 verfassten 30 Gedichtbänden und den 29 „Nordseelieder“ Gedichtbänden und 3 verschließbaren Büchern mit Manuskripten dem Schweizer Bundespräsidenten ausgehändigt werden sollten, der den Inhalt dem Schweizerischen Bundesarchiv zur Aufbewahrung übergab. Die Gedichtbände wurden seither mehrmals für Ausstellungen im Ausland ausgeliehen und zu Forschungszwecken ausgewertet. Auch wenn ihre dichterische Arbeit überwiegend auf Deutsch stattfand, steht sie doch im Kontext ihres vielsprachigen Lebens. Elisabeth betätigte sich auch übersetzerisch und übersetzte z.B. Theaterstücke von William Shakespeare ins Neugriechische wie den Sommernachtstraum.
Mehrsprachigkeit jenseits von Funktionalität
Im Vergleich zu anderen hier vorgestellten historischen Persönlichkeiten, wie z.B. Tatiana Fürstin von Metternich oder John of Gaunt, wird deutlich, dass Mehrsprachigkeit politisch motiviert oder biografisch mehr oder weniger erzwungen sein kann oder sie kann, wie bei Elisabeth, zum Ausdruck von Selbstbestimmung werden. Ihre Mehrsprachigkeit erfüllt keine klar definierte gesellschaftliche Funktion. Sie war auch keine Vermittlerin im klassischen Sinne, keine Didaktikerin und keine Wissenschaftlerin. Sie zeigt eine Form von Mehrsprachigkeit, die nur mit Persönlichkeit, Lebensgefühl, der Verarbeitung persönlicher Erfahrungen und individueller Freiheit verbunden ist.
Literatur:
Max Falk: Kleinigkeiten von Kaiserin Elisabeth, epubli, 2018. ISBN 978-3746729695
Hannes Etzlsdorfer: Kaiserin Elisabeth: „Wäre Sie so gut wie schön, dann wäre es leicht“, ISBN 978-3990249789
Sigrid-Maria Größing, 99 Fragen zu Kaiserin Sisi. ISBN 978-3-8000-7626-0
Sigrid-Maria Größing, Elisabeth: Kaiserin aus dem Hause Wittelsbach, Amalthea-Signum-Verlag, 2013. ISBN 978-3-85002-851-6
Brigitte Hamann, Elisabeth: Kaiserin wider Willen. Piper, 2013 (Piper ; 30180). ISBN 978-3-492-30180-0
Gabriele Praschl-Bichler/Josef Cachée, „… von dem müden Haupte nehm‘ die Krone ich herab“ : Kaiserin Elisabeth privat. ISBN 19953-85002-366-4
Martha Schad, Elisabeth von Österreich. ISBN 978-3-423-31079-6
Michaela und Karl Vocelka, Sisi: Leben und Legende einer Kaiserin.Originalausgabe. ISBN 978-3-406-66089-4