Das Verb HÄKELN
Das deutsche Verb häkeln ist etymologisch gesehen ein gutes Beispiel dafür ist, wie aus einer konkreten Formbezeichnung ein Begriff für eine handwerkliche Tätigkeit entstanden ist.
Wortherkunft
Das deutsche Verb häkeln geht auf das Substantiv Haken zurück. Gemeint ist die Häkelnadel, das kleine Werkzeug mit dem gebogenen Haken an der Spitze. Das Verb entstand also sekundär aus dem Werkzeugnamen: Haken → häkeln, wörtlich ursprünglich etwa: „mit dem Haken arbeiten“ (so wie in den anderen Sprachen mit Ausnahme des Französischen). Die Bildung mit Umlaut und der Verbalendung -eln ist typisch für deutsche Verben, die aus Gegenständen oder Werkzeugen hervorgehen (z.B. Band – bändeln, Schlange – schlängeln).
Interessant ist dabei, dass diese Handarbeit, also das eigentliche textile Verfahren relativ jung ist. Die heute bekannte Technik des Häkelns verbreitete sich vor allem in Europa erst im 19. Jahrhundert. Vorher gab es zwar verwandte Techniken, aber das systematische Häkeln als eigenständige textile Handarbeit wurde erst später populär.
Das Wort Haken selbst hat eine sehr alte germanische Herkunft: mittelhochdeutsch hake, althochdeutsch hāko, urgermanisch rekonstruiert *hakan- (= gebogenes Werkzeug, Haken)
Das Verb „häkeln“ in den anderen Sprachen
Englisch: to crochet
Herkunft: Das englische Wort stammt aus dem Französischen. Das französische crochet bedeutet ursprünglich ebenfalls wie im Deutschen „kleiner Haken“ (altfranzösisch: croc = Haken). Das Englische hat also direkt den Namen des Werkzeugs übernommen.
Französisch: crocheter
Das Verb ist abgeleitet vom Substantiv le crochet, d.h. von Haken, bedeutet heute aber auch die Häkelarbeit. Hier sieht man dieselbe semantische Entwicklung wie im Deutschen: „mit einem kleinen Haken arbeiten“. Das Wort hängt mit germanischen Wurzeln zusammen, wahrscheinlich verwandt mit nordgermanischen Formen für „gebogen“.
Italienisch: lavorare all’uncinetto
Das bedeutet „mit dem kleinen Haken arbeiten“, aber oft sagt man auch einfach: fare l’uncinetto statt lavorare. Das Substantiv uncinetto ist die Verkleinerung von uncino (= Haken), also uncinetto (= kleiner Haken). Etymologie: uncino und uncinetto von lateinisch uncus (= Haken, gebogen). Hier sieht man besonders gut die Kontinuität vom Lateinischen bis zur modernen Handarbeitsterminologie (= Häkelnadel / Häkeln).
Portugiesisch: fazer croché (EP) oder seltener: crochetar
Das Portugiesische hat das Substantiv croché direkt aus dem Französischen übernommen und es in der Schreibweise angepasst (mit Betonungszeichen).
Spanisch: hacer ganchillo, regional auch: tejer a ganchillo
Auch hier ist das Substantiv ganchillo (= kleiner Haken) das Diminutiv von gancho (= Haken). In Teilen Lateinamerikas nutzt man auch direkt croché als Verb. Das ist semantisch fast exakt parallel zu Französisch crochet.
Alle Wörter beruhen letztlich auf derselben metaphorischen Grundlage:
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Sprache |
Wort |
Ursprüngliche Bedeutung |
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Deutsch |
häkeln |
von Haken, mit einem Haken arbeiten |
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Französisch |
crochet |
kleiner Haken |
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Englisch |
crochet |
von frz. crochet |
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Italienisch |
uncinetto |
kleiner Haken |
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Portugiesisch |
croché |
angepasst, von frz. crochet |
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Spanisch |
ganchillo |
kleiner Haken |
Das zeigt sehr gut, wie stark die textile Terminologie hier werkzeugbezogen ist. Die Technik wird nicht abstrakt benannt, sondern man bezieht sich auf das Instrument und benutzt es mit Verben wie fare, hacer etc. Besonders interessant ist, dass sich trotz der unterschiedlichen Sprachfamilien immer wieder dieselbe Grundvorstellung durchsetzt: die kleine gebogene Spitze bzw. der kleine gebogene Haken als zentrales Merkmal der Tätigkeit.