Der Palmsonntag (der letzte Sonntag vor Ostersonntag)

Besonders religiöse Texte wie die Bibel oder Gebete eignen sich hervorragend für Sprachenvergleich und sogar Übersetzungsvergleich, siehe z.B. das Vaterunser, das es laut ChatGPT in mindestens 1.500–2.000 Sprachen gibt. Diese Einzelübersetzung (Vaterunser, Notre Père, Padre Nostro und Nosso Pai) gibt es noch häufiger als die Bibel selbst. Hier möchte ich jedoch auf den Palmsonntag aus sprachlicher Sicht eingehen, denn interessanterweise sehen nicht alle Sprachen die Palme im Vordergrund.
Kirchliche Bräuche und Aktivitäten
Am Palmsonntag feiern Christen den Einzug Jesu in Jerusalem. Typisch sind Palmweihen, Prozessionen mit Oliven-, Buchsbaum- oder anderen Zweigen und Gottesdienste, die an das Leiden Christi erinnern. Die gesegneten Zweige steckt man zuhause als Schutzzeichen hinter ein Kreuz.
Sprachliche Betrachtung
Im Deutschen ist „Palmsonntag“ ein klassisches Kompositum: Palme + Sonntag. Das Wort legt den Fokus eindeutig auf einen konkreten Gegenstand, nämlich die Palme. Diese wirkt fast exotisch, denn im mitteleuropäischen Raum ist sie kein heimischer Baum. Sprachlich passiert hier also etwas Interessantes: Ein fremdes, südliches Bild wird direkt in die Bezeichnung integriert und bleibt sichtbar erhalten. Das Deutsche konserviert gewissermaßen das Originalbild der Szene, auch wenn es mit der eigenen Realität wenig zu tun hat. Daher könnte man sagen, dass der „Palmsonntag“ im Deutschen ein Erinnerungswort ist, wohingegen z.B. der domingo dos ramos im Portugiesischen ein Handlungswort ist, denn es beschreibt eher das, was die Menschen tun (Zweige tragen) als das, was genau getragen wird. Wobei es tatsächlich nicht immer Palmzweige sind bzw. sein können.Wenn man die anderen Sprachen dazunimmt, zeigt sich, dass es nicht einfach zwei „Lager“ (Palme und Zweige) gibt, sondern eher ein Kontinuum zwischen Bildtreue und funktionaler Abstraktion.
Die Bezeichnungen
-
Deutsch: Palmsonntag
-
Englisch: Palm Sunday
-
Italienisch: Domenica delle Palme
-
Französisch: dimanche des Rameaux
-
Portugiesisch: domingo dos ramos
-
Spanisch: domingo de ramos
lassen sofort eine Aufteilung erkennen:
1. „Palmen-Sprachen“ (ikonisch, konkret):
Deutsch, Englisch, Italienisch → Palme / palm / palma
2. „Zweig-Sprachen“ (funktional, generalisiert):
Portugiesisch, Spanisch, Französisch → ramo / ramo / rameau
Aus etymologischer Sicht ist ramo (Portugiesisch, Spanisch) verwandt mit lateinisch ramus (Ast, Zweig), während „Palme“ auf lateinisch palma zurückgeht, was ursprünglich auch „Handfläche“ bedeutete (Eglisch: palm = Handfläche vs. palm tree = Palme).
Englisch: Palm Sunday wirkt auf den ersten Blick wie eine direkte Entsprechung zum deutschen Palmsonntag. Auch hier wird die Palme als zentrales Bild festgehalten, selbst wenn das Bild kulturell nicht „lokal“ ist.
Das Englische übernimmt hier gewissermaßen eine traditionsbewahrende, fast biblische Perspektive. Das ursprüngliche Szenario wird nicht angepasst, sondern sprachlich stabilisiert. Ähnlich wie im Deutschen bleibt die Fremdheit der Palme erhalten.
Portugiesisch: Ganz anders z.B. das Portugiesische: domingo dos ramos. Hier steht nicht die spezifische Pflanze im Vordergrund, sondern der allgemeinere Begriff ramo (Zweig, Ast, oft auch Strauß). Der Plural ramos verstärkt sogar noch den Eindruck von Vielfalt und Austauschbarkeit. Es geht also weniger um eine bestimmte botanische Art, sondern um die Geste des Tragens von Zweigen.
Spanisch: Domingo de ramos ist formal fast identisch mit dem Portugiesischen, aber semantisch lässt sich eine kleine Nuance beobachten. Ramos kann im Spanischen die Bedeutung von „Sträuße“, „Bündel“ oder „festlich gebundene Zweige“ haben, wodurch ein etwas anderer Fokus entsteht: weniger der einzelne Zweig, mehr die kollektive, arrangierte Geste. Das Spanische betont also noch stärker den sozialen und rituellen Charakter.
Spannungsfeld: Objekt vs. Handlung
A. Objektzentrierte Benennung
-
Deutsch: Palmsonntag
-
Englisch: Palm Sunday
-
Italienisch: Domenica delle Palme
Fokus: konkretes, ikonisches Objekt (Palme), Wirkung: historisch, bildhaft, leicht exotisch
B. Handlungs- bzw. funktionszentrierte Benennung
-
Portugiesisch: domingo dos ramos
-
Spanisch: domingo de ramos
-
Französisch: dimanche des Rameaux
Fokus: Tragen von Zweigen als Handlung, Wirkung: adaptiv, kulturell integrierbar, weniger konkret
Übersetzerische Perspektive
Aus Sicht der Übersetzungswissenschaft kann man hier zwei grundlegende Strategien erkennen:
1. Foreignizing Strategy (Verfremdung / Bewahrung des Fremden)
→ Deutsch, Englisch, Italienisch
Die Palme bleibt erhalten, auch wenn sie nicht zur eigenen Umwelt passt. Die Sprache sagt: So war es und so nennen wir es auch.
2. Domesticating Strategy (Einbettung / Anpassung)
→ Portugiesisch, Spanisch, Französisch
Die konkrete Pflanze wird „neutralisiert“ zu etwas Allgemeinerem. Die Sprache sagt: Was zählt, ist die Handlung, nicht die botanische Genauigkeit. Das ist ein Beispiel dafür, dass solche Strategien nicht nur in bewussten Übersetzungen auftreten, sondern tief in Sprachsystemen sedimentiert sind.
Kognitiver Aspekt: Sprache erzeugt Bilder
Wenn man weiterdenkt, passiert noch etwas Interessantes: Ein deutsch- oder englischsprachiger Mensch hat beim Wort Palmsonntag / Palm Sunday fast automatisch ein visuelles Bild von Palmen im Kopf. Ein spanisch- oder portugiesischsprachiger Mensch denkt eher an Zweige in der Hand, Bewegung, Ritual. Das heißt: Die eine Sprachgruppe erzeugt ein statisches Bild, die andere hingegen eher ein dynamisches Handlungsschema.