Gehirngerecht lernen
Gehirngerecht lernen

Gehirngerecht lernen

Gehirngerecht lernen – Wissenschaft oder nur Werbeversprechen?

Kaum ein Begriff ist in den vergangenen Jahren im Bildungsbereich so populär geworden wie das so genannte gehirngerechte Lernen. Sprachschulen werben damit, Lehrwerke greifen es auf und ganze Unterrichtskonzepte berufen sich auf Erkenntnisse der Gehirnforschung.

Doch was bedeutet „gehirngerecht“ eigentlich genau?

Die Antwort ist komplizierter als es zunächst scheint. Denn obwohl viele moderne Lernmethoden tatsächlich auf Erkenntnissen aus Kognitionspsychologie und Neurowissenschaft beruhen, existiert bis heute keine allgemein akzeptierte wissenschaftliche Definition des Begriffs. Häufig wird gehirngerecht eher als Qualitätsmerkmal oder Werbeversprechen verwendet und nicht als klar messbares wissenschaftliches Konzept.

Vielleicht wäre deshalb sogar der Begriff gehirnfreundlich besser. Er erhebt nämlich keinen Anspruch auf vollständige wissenschaftliche Präzision, beschreibt aber gut, worum es modernen Lernkonzepten geht: Lernen soll motivierend, nachhaltig und möglichst nah an natürlichen Lernprozessen sein.

Interessanterweise gibt es in vielen anderen Sprachen keine direkte Entsprechung zum deutschen Wort gehirngerecht. Im Englischen spricht man eher von brain-friendly, brain-based learning oder neuroscience-informed teaching. Das zeigt bereits, wie vorsichtig andere Sprachräume mit dem Anspruch umgehen, Unterricht könne vollständig „gerecht“ gegenüber den komplexen Prozessen unseres Gehirns sein.

Was fördert tatsächlich unser Lernen?

Auch wenn die Forschung keine Patentrezepte kennt, gibt es einige Prinzipien, die sich in zahlreichen Studien immer wieder als lernförderlich erwiesen haben.

Lernen braucht Bedeutung und Kontext

Unser Gehirn speichert Informationen leichter, wenn sie in Zusammenhänge eingebettet sind. Eine Vokabelliste bleibt oft nur kurzfristig im Gedächtnis, während Wörter, die in Geschichten, Dialogen oder persönlichen Situationen vorkommen, wesentlich nachhaltiger gelernt werden.

Emotionen stärken Erinnerungen

Inhalte, die mit Emotionen verbunden sind, bleiben besser im Gedächtnis. Persönliche Erfahrungen, Humor, Überraschungen oder interessante Geschichten schaffen Ankerpunkte, an die sich neues Wissen anheften kann.

Das Gehirn liebt Wiederholung, aber nicht stumpfe Wiederholung

Entscheidend ist nicht die Anzahl der Wiederholungen, sondern deren Verteilung über die Zeit und ihre Einbettung in unterschiedliche Kontexte. Die Lernforschung spricht hier von Spaced Repetition, also verteiltem Wiederholen.

Lernen ist eine aktive Handlung, kein passiver Konsum

Wer erklärt, diskutiert, anwendet oder selbst Probleme löst, lernt nachhaltiger als jemand, der Informationen lediglich konsumiert. Lernen ist kein Zuschauer-, sondern ein Beteiligungsprozess.

Lernen ist sozial

Der Austausch mit anderen, gemeinsames Problemlösen oder das gegenseitige Erklären fördern Motivation und soziale Kompetenzen und häufig auch das Verständnis der Inhalte selbst.

Was ist weniger lernförderlich?

Natürlich hat auch das klassische Auswendiglernen weiterhin seinen Platz. Faktenwissen bildet oft die Grundlage für komplexere Lernprozesse und kann insbesondere zur Prüfungsvorbereitung sinnvoll sein. Problematisch wird es jedoch dann, wenn es die einzige Lernstrategie bleibt.

Weniger nachhaltig wirken beispielsweise:

  • isolierte Vokabellisten ohne Kontext,

  • reine Regelvermittlung ohne Anwendung,

  • passiver Frontalunterricht,

  • einmaliges Lernen ohne spätere Wiederaufnahme,

  • Lernen ausschließlich für Prüfungen.

Bulimielernen – Lernen ausschließlich für Prüfungen. Viele Lernende kennen dieses Phänomen: Inhalte werden kurzfristig aufgenommen, um sie unmittelbar nach der Prüfung wieder zu vergessen.

Mind Maps – hilfreich, aber kein Wundermittel

Ein Werkzeug, das ich besonders gerne nutze, sind Mind Maps. Sie helfen dabei, Zusammenhänge sichtbar zu machen, Vorwissen zu aktivieren und neue Inhalte zu strukturieren.

Gerade im Sprachunterricht kann man so Wortfelder, grammatische Muster oder kulturelle Zusammenhänge anschaulich darstellen. Besonders in meinen Mehrsprachenkursen ermöglichen Mind Maps, Verbindungen zwischen mehreren Sprachen sichtbar zu machen und Transferprozesse bewusst zu fördern.

Allerdings eignen sie sich nicht für alle Lernenden gleichermaßen. Vor allem Teilnehmende, die über Jahrzehnte mit klassischen Lernmethoden gearbeitet haben, empfinden die offene Struktur manchmal zunächst als ungewohnt oder sogar frustrierend. Wie bei vielen Methoden gilt daher auch hier: Es gibt keine universelle Lösung für alle.

Gibt es auch Kritik?

Der Begriff gehirngerecht ist nicht unumstritten. Kritiker weisen darauf hin, dass manche Konzepte komplexe neurowissenschaftliche Erkenntnisse zu stark vereinfachen oder mit wissenschaftlichen Begriffen werben, die nicht ausreichend empirisch belegt sind. Auch sogenannte Neuromythen, z.B. die Vorstellung einer strikten Aufteilung in eine kreative rechte und eine logische linke Gehirnhälfte, halten sich bis heute erstaunlich hartnäckig, obwohl sie wissenschaftlich längst als überholt gelten. Hinzu kommt, dass Lernen individuell ist und immer bleiben wird. Was für den einen hervorragend funktioniert, kann für den anderen wenig hilfreich sein.

Warum Mehrsprachenunterricht besonders gut dazu passt

Gerade der Mehrsprachenunterricht bringt aus neurodidaktischer Sicht bemerkenswert günstige Voraussetzungen mit. Lernende greifen ständig auf bereits vorhandenes Wissen zurück, vergleichen Sprachsysteme miteinander und nutzen bewusst Transferprozesse zwischen bekannten und neuen Sprachen. Dadurch entstehen Verknüpfungen, die weit über das isolierte Lernen einzelner Wörter oder Regeln hinausgehen.

Voraussetzung ist allerdings, dass die Sprachen nicht einfach nebeneinander oder nacheinander unterrichtet werden, sondern kontrastiv und vernetzend. Genau hier liegen die besonderen Stärken moderner Mehrsprachenkonzepte. Auch wenn direkte Übersetzungen im klassischen Fremdsprachenunterricht heute teilweise kritisch betrachtet werden, können sie im Mehrsprachenunterricht ausgesprochen wertvoll sein: Sie machen Gemeinsamkeiten sichtbar, helfen bei der Identifikation falscher Freunde und fördern das metasprachliche Bewusstsein der Lernenden.

Mein Fazit

Vielleicht sollte man gehirngerechtes Lernen weniger als eine einzelne Methode sehen, sondern vielmehr als eine Haltung oder Einstellung zum Lernen. Denn Lernen funktioniert meist besser, wenn es aktiv, bedeutungsvoll, emotional und vernetzt ist. Abgesehen davon gibt es nicht die eine perfekte Methode für alle Lernenden und alle Situationen.

Der Begriff gehirngerecht wird heute häufig als isoliertes Qualitätsmerkmal verwendet, obwohl eine klare wissenschaftliche Definition fehlt. Vielleicht beschreibt der Begriff gehirnfreundlich genauer, worum es eigentlich geht: Lernprozesse so zu gestalten, dass sie Motivation fördern, vorhandenes Wissen nutzen und nachhaltiges Lernen ermöglichen.

Gerade der Mehrsprachenunterricht zeigt, wie gut diese Prinzipien in der Praxis funktionieren können. Denn Sprachen werden hier nicht isoliert gelernt, sondern in Beziehung zueinander gesetzt und genau so arbeitet auch unser Gehirn: nicht in Schubladen, sondern in Netzwerken.

Mehrsprachiges Lernen ist keine zusätzliche Belastung für das Gehirn, sondern gehirnfreundlich.